Klinikum Mittelbaden

Die Avocado-Hand: Wenn ein Küchenunfall zum Fall für die Handchirurgie wird

Schneiden einer Avocado auf einem Brett

Die „Avocado-Hand“: Wenn ein Küchenunfall zum Fall für die Handchirurgie wird

Die Sektion für Hand- und Fußchirurgie des Klinikums Mittelbaden informiert über unterschätzte Küchenverletzungen

Avocados gehören für ernährungsbewusste Menschen längst zum Alltag. Doch das Aufschneiden und insbesondere das Entfernen des Kerns kann zu schmerzhaften und komplizierten Verletzungen der Hand führen. Auch in der Sektion für Hand- und Fußchirurgie am Klinikum Mittelbaden (KMB) wurden bereits Patientinnen und Patienten mit einer sogenannten „Avocado-Hand“ behandelt. Hinter dem zunächst kurios klingenden Begriff können sich komplexe Verletzungen von Nerven, Sehnen und Blutgefäßen verbergen, die eine spezialisierte operative Versorgung durch einen Handchirurgen erforderlich machen.

Eine aktuelle Auswertung des UKSH zeigt steigende Fallzahlen

Dass die „Avocado-Hand“ keineswegs nur ein kurioses Randphänomen ist, zeigt eine aktuelle Auswertung des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH). Dort wurden Notaufnahmedaten von Anfang 2020 bis Mitte 2026 ausgewertet und insgesamt 83 entsprechende Behandlungsfälle erfasst. Während im Jahr 2020 acht Patientinnen und Patienten mit einer „Avocado-Hand“ behandelt wurden, waren es 2025 bereits 21. Auffällig war zudem, dass rund 82 Prozent der Betroffenen Frauen waren und mehr als die Hälfte der Verletzten zwischen 20 und 29 Jahre alt.

Was passieren kann, wenn das Messer die Hand trifft?

Das Verletzungsmuster stellt sich oft ähnlich dar. Die Avocado wird in einer Hand gehalten, während mit der anderen ein Messer zum Aufschneiden oder zum Herauslösen des Kerns benutzt wird. Rutscht die Klinge am Kern vorbei oder gleitet durch das weiche Fruchtfleisch, trifft sie unmittelbar auf die Handfläche oder die Finger.

„Das Gefährliche ist, dass eine solche Verletzung von außen zunächst relativ unscheinbar aussehen kann“, erklärt Dr. Götz Fortnagel, Leitender Arzt der Sektion für Hand- und Fußchirurgie am KMB. „Schon ein kleiner Einstich oder eine nur wenige Zentimeter lange Schnittwunde kann im schlimmsten Fall Nerven, Sehnen oder Gefäße vollständig durchtrennen.“

Besonders gefährdet sind nach Angaben des Handspezialisten Finger und Hohlhand. Dort verlaufen unter der Haut wichtige anatomische Strukturen auf engem Raum. Entsprechend können bei einer tiefen Messerverletzung neben der Haut auch Beuge- oder Strecksehnen, Fingernerven sowie begleitende Blutgefäße betroffen sein.

Taubheit und Bewegungsstörungen sind wichtige Warnzeichen

Ein typischer Hinweis auf eine Nervenverletzung ist eine plötzlich auftretende Taubheit an einem Finger oder an einer Seite der Fingerkuppe. Auch Kribbeln oder elektrisierende Missempfindungen können auf eine Schädigung eines Fingernerven hinweisen.

Kann ein Finger nach der Schnittverletzung nicht mehr gebeugt oder gestreckt werden, muss zudem an eine Sehnenverletzung gedacht werden. Eine auffällige Blässe, Kälte oder deutlich verminderte Durchblutung eines Fingers kann auf eine Gefäßverletzung hindeuten.

„Bei Handverletzungen ist nicht unbedingt entscheidend, wie groß die Schnittwunde aussieht“, betont Fortnagel. „Bedeutender ist die Frage, welche Strukturen unter der Haut verletzt wurden. Deshalb sollten Funktions- oder Gefühlsstörungen nach einer Schnittverletzung immer ernst genommen werden.“

Wenn Nerven oder Sehnen durchtrennt sind, wird die Operation anspruchsvoll

Bei tiefen Stichverletzungen der Hand ist eine operative Wundrevision erforderlich, um Verletzungen von Sehnen, Nerven, Gefäßen oder Gelenken sicher auszuschließen beziehungsweise direkt zu behandeln. Dabei wird die Wunde unter sterilen Bedingungen sorgfältig untersucht, um verletzte Sehnen, Nerven und Blutgefäße zu identifizieren.

Durchtrennte Sehnen können mit speziellen Nahttechniken rekonstruiert werden. Anschließend ist in vielen Fällen eine individuell angepasste Nachbehandlung mit Schiene und Handtherapie erforderlich. Ziel ist es, einerseits die Naht zu schützen und andererseits Verklebungen und Bewegungseinschränkungen möglichst zu vermeiden.

Besonders anspruchsvoll ist die Rekonstruktion verletzter Fingernerven. Die betroffenen Strukturen sind teilweise nur wenige Millimeter groß. Für die Versorgung kommen mikrochirurgische Techniken unter Lupenvergrößerung oder Operationsmikroskop zum Einsatz.

Bei einer vollständigen Nervendurchtrennung werden die beiden Nervenenden dargestellt und möglichst exakt wieder miteinander verbunden. Kann dies ohne Spannung erfolgen, ist häufig eine direkte mikrochirurgische Nervennaht möglich. Besteht zwischen den Nervenenden ein Defekt, sodass sie nicht ohne Spannung zusammengeführt werden können, sind je nach Befund weitere Rekonstruktionsverfahren erforderlich. Dazu können eine Überbrückung mit körpereigenem Nervengewebe oder andere Verfahren der Nervenrekonstruktion gehören.

„Diese Eingriffe sind technisch komplex und erfordern große mikrochirurgische Präzision“, erklärt der Leitende Arzt. „Selbst nach einer erfolgreichen Rekonstruktion ist das Gefühl nicht sofort wieder vorhanden. Die Nervenfasern müssen erst wieder in Richtung Fingerspitze wachsen. Dieser Prozess kann mehrere Monate dauern und eine vollständige Wiederherstellung der Sensibilität lässt sich nicht in jedem Fall garantieren.“

Sind gleichzeitig Nerven, Sehnen und Blutgefäße verletzt, steigt die Komplexität des Eingriffs zusätzlich. Neben der operativen Rekonstruktion spielt deshalb auch die strukturierte handtherapeutische Nachbehandlung eine grundlegende Rolle.

Was Warnzeichen nach einer Schnittverletzung sind:

  • neu aufgetretene Taubheit oder deutliche Gefühlsstörungen an einem Finger,
  • Kribbeln oder elektrisierende Missempfindungen nach dem Schnitt,
  • ein Finger kann nicht mehr vollständig gebeugt oder gestreckt werden,
  • eine tiefe oder klaffende Wunde,
  • eine starke Blutung, die sich durch konsequenten Druck nicht stoppen lässt,
  • ein auffällig blasser, kalter oder schlecht durchbluteter Finger,
  • sichtbare tiefer liegende Strukturen in der Wunde.

„Gerade eine Taubheit nach einer Schnittverletzung ist ein wichtiges Alarmsignal“, unterstreicht Fortnagel. „Je früher Art und Ausmaß der Verletzung beurteilt werden, desto besser lässt sich die weitere Behandlung planen.“

Was Betroffene unmittelbar nach einer Schnittverletzung sollten

Bei einer stärkeren Blutung sollte zunächst mit einer sauberen Kompresse oder einem sauberen Tuch Druck auf die Wunde ausgeübt und die Hand hochgehalten werden.

An der Wunde sollte nicht selbst manipuliert werden. Nach der Erstversorgung ist bei einer tiefen Wunde oder bei den genannten Warnzeichen eine zeitnahe ärztliche Vorstellung erforderlich.

Bei einer sehr starken, nicht kontrollierbaren Blutung oder einer erkennbaren Durchblutungsstörung eines Fingers ist eine sofortige notfallmedizinische Versorgung indiziert.

Über die Sektion für Hand- und Fußchirurgie am KMB

Die Sektion für Hand- und Fußchirurgie des Klinikums Mittelbaden behandelt ein breites Spektrum akuter Verletzungen und Erkrankungen der Hand. Dazu gehören unter anderem Knochenbrüche an Handgelenk, Handwurzel, Mittelhand und Fingern sowie Verletzungen von Weichteilen, Sehnen, Nerven und Gefäßen. Weitere Schwerpunkte sind Arthrose und rheumatische Erkrankungen, Nervenkompressionssyndrome wie das Karpaltunnelsyndrom, Bandverletzungen und Instabilitäten sowie Erkrankungen wie Morbus Dupuytren.

Zum operativen Spektrum zählen unter anderem die Rekonstruktion von Sehnen und Nerven, mikrochirurgische Eingriffe an Nerven und Arterien, die Versorgung und Korrektur von Frakturen, Defektdeckungen an Hand und Fingern sowie arthroskopische und gelenkerhaltende beziehungsweise gelenkersetzende Verfahren.

Weiter Informationen finden Sie auf der nachstehenden Internetseite:
https://www.klinikum-mittelbaden.de/klinik-fachbereiche/hand-fuss-chirurgie/

Text: P. Geiger
Bild: P. Geiger
Bildlegende: Aufschneiden einer Avocado auf einem Brett